Title (deu)

Opfer des Nationalsozialismus auf den zweiten Blick. Am Beispiel der Biografie von Lilli Weber-Wehle und ihrer Familie: Forschungsendbericht

Author

Susanne Blumesberger

Other

  Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus

  Universität Wien

Description

Lilli Weber-Wehle zählt zu jenen fast vergessenen Frauen, die in mehrerer Hinsicht für die Forschung unterschiedlicher Fachrichtungen interessant sind. Die Arbeit an zahlreichen einschlägigen Projekten im Rahmen des Großprojekts „biografiA. datenbank und lexikon österreichischer frauen“ (www.biografia.at) hat gezeigt, dass zahlreiche Frauen wie Lilli Weber-Wehle, die zwei Weltkriege überlebt haben, wegen ihrer jüdischen Herkunft, wenn auch vielleicht nicht direkt betroffen, dennoch unter der Herrschaft des Nationalsozialismus langfristig sehr gelitten haben. Obwohl sie in der Öffentlichkeit gestanden haben und viele von ihnen als Künstlerinnen tätig waren, sind sie dennoch heute kaum präsent. Dabei ist der Lebensweg Lilli Weber-Wehles nahezu typisch für jene jüdischen Frauen, die durch den Holocaust stark beeinträchtigt wurden – durch den Verlust der Familie und des Vermögens, durch traumatische Spuren in der Elterngeneration usw. Meist werden diese Frauen (und Männer) und ihre besonderen Schicksale in der Forschung übersehen, zum Teil auch deshalb weil es oft keine Nachlässe und kaum Erinnerungen an sie gibt.
Lilli Weber-Wehles Leben ist dank ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter gut dokumentiert. Herrn Weber ist es zu verdanken, dass er aus Sorge um das Andenken an seine Mutter ihren Nachlass der Universität Wien überlassen hat. In der Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte gewinnt man Einblick in ein reiches, vielfältiges Leben, das die extremen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im 20. Jahrhundert widerspiegelt. Das Vorhandensein des umfangreichen persönlichen Nachlasses von Lilli Weber-Wehle, der verwoben mit dem ihrer Mutter Emilie Wehle – sie hat Theresienstadt überlebt – und anderen Verwandten ist, macht die Spurensuche interessant und lohnend. Die Aufzeichnungen, Korrespondenzen, Tagebücher, geschäftlichen Dokumente, Bilder sowie der literarische Nachlass und Originalgegenstände – wie zum Beispiel Sportabzeichen – lassen nicht nur die Person Lilli Weber-Wehles vor unseren geistigen Augen wieder auferstehen, sondern sind zugleich stellvertretend für all jene, deren Spuren heute verloren sind, Mahnmale der Zeit. Bislang steht die Forschung über die langfristigen Folgen des Holocausts erst am Anfang.
Anders als bei vielen anderen Nachlässen besteht bei Lilli Weber-Wehles Rechtsnachfolger ein ausdrücklicher Wunsch nach wissenschaftlicher Bearbeitung und Veröffentlichung des Lebens und Wirkens von Lilli Weber-Wehle. Der biografische Teil der Forschung wurde durch Berichte des Sohnes, die er schon vor einigen Jahren der Sammlung Frauennachlässe zur Verfügung gestellt hat, wesentlich unterstützt. Die Ausstellung, die vor einiger Zeit an der Universitätsbibliothek unter dem Titel „In Geschichte eingeschrieben“ gezeigt wurde, gab bereits einen kleinen Einblick in das Leben Weber-Wehles. Auch das Bestandsverzeichnis der Sammlung Frauennachlässe zeigt die Fülle der vorhandenen Materialien und lässt den kulturwissenschaftlichen Wert der Originale erahnen.
Die Aufarbeitung der Biografie von Lilli Weber-Wehle und ihrer Familie ist nicht nur für die Frauengeschichte, für die Geschichte der Jüdinnen und Juden, für die Holocaustforschung, die Literaturwissenschaft und andere Fachrichtungen interessant, sondern bietet auch die Möglichkeit anhand eines konkreten Beispiels zu zeigen, dass der Holocaust sehr weitreichende Nachwirkungen zeigt und dies nicht nur bei unmittelbar betroffenen Personen, sondern auch bei jenen, die selbst nicht oder kaum zu Schaden kamen bzw. bei ihren Nachkommen, also bei der zweiten und dritten Generation. Die langjährige wissenschaftliche Arbeit mit einer großen Anzahl an Biografien von Frauen jüdischer Herkunft, bei denen die Quellenlage oft sehr schlecht ist, hat gezeigt, dass die Auswirkungen des Holocaust sehr lange spür- und sichtbar sind. Die intensive Beschäftigung mit einem gut dokumentierten Lebenslauf, wie bei Lilli Weber-Wehle, ermöglicht die Sichtbarmachung der konkreten Spuren in Leben und Werk.

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2010-12-29

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ÖFOS 2002, Women´s studies, Women´s issues

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o:63389 Opfer des Nationalsozialismus auf den zweiten Blick. Am Beispiel der Biografie von Lilli Weber-Wehle und ihrer Familie.: Forschungsendbericht und Bildbeilage