Abstract (deu)
Die vorliegende Studie widmet sich auf Basis der über 1000 zwischen 1872 und 1937 entstandenen Briefe von Mathilde Lieben, geb. Schey, an ihre Cousine Marie de Rothschild, geb. Perugia, der Erforschung weiblicher Lebenswelten im jüdischen Großbürgertum in Wien. Die aus den Schriftstücken hervortretenden Informationen mit teils sehr persönlichem Charakter haben es ermöglicht, die konkreten Lebensumstände einer Vertreterin dieser Gesellschaftsschicht zu beschreiben, ihre Alltagssituationen und kulturellen Praxen zu verstehen, und sich auf diese Weise den historischen Realitäten von Menschen dieser Gruppe zu nähern.
Ein elementarer Bestandteil der Lebenswelt in den unterschiedlichen Lebensphasen war die Familie. Fast zwei Drittel von Mathildes Briefen legen inhaltlich Zeugnis davon ab, dass Alltagserfahrungen innerhalb der Kern- sowie der weitverzweigten Großfamilie mit den unterschiedlichen Generationen und Geschlechtern eine maßgebliche Rolle in ihrem Leben spielten. Ein „Markenzeichen“ – freilich nicht nur des jüdischen Großbürgertums – war der ausgeprägte Familiensinn, und die Klammer zwischen den einzelnen Mitgliedern stellten häufig die Väter und Mütter dar. Genauso war es in Mathildes Ursprungsfamilie und dementsprechend hilflos und verängstigt war sie auch nach dem Tod ihres Vaters Friedrich Schey im Jahr 1881.
Eine herausragende Rolle spielten in den Familien auch die Frauen. Sie waren es, die zu einem Großteil für den intensiven familiären Austausch und die gesellschaftliche Kontaktpflege verantwortlich waren. Dies geschah in Form von schriftlichen Korrespondenzen, Visiten, den sogenannten Jours, gemeinsamen Sommerfrischen und natürlich bei den von Frauenhand geplanten Abendgesellschaften.
Traditionelle Geschlechterrollen, die im bürgerlichen Wertesystem produziert wurden und verankert waren, bestanden freilich auch in Mathildes Familie. Die Analyse ihrer Briefe hat aber gezeigt, dass das Konstrukt der angeblich unterschiedlichen „Geschlechtscharaktere“ ein sehr oberflächliches war. Die Schriftstücke liefern zahlreiche Beispiele dafür, dass das vermeintlich starke Geschlecht nicht nur denkend, rational und tapfer war, sondern auch ganz andere – nämlich vermeintlich weibliche – Wesenszüge aufweisen konnte.
Ebenso verhält es sich mit den Frauen, denen nach den Vorstellungen über die Geschlechterrollen im 19. Jahrhundert Selbständigkeit, Strebsamkeit, Aktivität, Kraft und Energie abgesprochen wurden. Aus Mathildes Briefen treten viele Frauen hervor, die durchaus als selbständig und aktiv charakterisiert werden können.
Die Analyse von Mathildes Briefen war auch bezüglich der Art und Weise, wie politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen erlebt und bewertet wurden, sehr aufschlussreich. So spielte etwa der anwachsende rassistisch motivierte Antisemitismus in Wien am Ende des 19. Jahrhunderts und bis zum Ersten Weltkrieg zumindest in Mathildes Briefen – vielleicht auch in ihrer Wahrnehmung – keine Rolle. Ganz anders war ihre Reaktion auf den Ersten Weltkrieg, der von ihr als noch nie dagewesene Katastrophe, Menschheitstragödie und als Zivilisationsbruch empfunden wurde.
Auch auf die Frage nach jüdischer Identität und der Einstellung zu Religion im Großbürgertum konnten Mathildes Briefe einige Antworten geben. Sehr deutlich wurde, dass das Judentum für sie und die Mitglieder ihrer Gesellschaftsschicht keine allumfassende Lebenswirklichkeit mehr darstellte, sondern zur Konfession geworden war. Großbürgerliche jüdische Familien kehrten nach außen die Verbürgerlichung und ihre Akkulturation bewusst hervor. Dies wird durch das Feiern des Weihnachtsfestes inklusive Weihnachtsbaum deutlich oder durch die demonstrative Ablehnung von Personen oder Praxen, die als offensichtlich orthodox oder traditionell eingestuft wurden. Gleichzeitig bewahrten Familien wie die Scheys oder die Liebens aber auch gewisse jüdische Traditionen, Reste von religiöser Praxis und eine jüdische Identität. Dies wird durch das Zelebrieren der hohen Feiertage im jüdischen Jahreszyklus oder das in die Religion eingebundene Begehen von Lebenszyklusritualen wie Beschneidung, Eheschließung oder Begräbnis deutlich.
An vielen Stellen wird deutlich, dass sich die vorliegende Untersuchung an der Schnittstelle zwischen allgemeiner und jüdischer Geschichte befindet und dass sie umfassende und wichtige Erkenntnisse für beide Disziplinen brachte. Sie fügt sich bestens in die in den letzten Jahren entstandenen Forschungen zum jüdischen Bürgertum ein und stellt eine Ergänzung zu Standardwerken wie Marion Kaplans „The Making of the Jewish Middle Class“ (1991) oder Simone Lässigs „Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg“ (2004) dar.