Abstract (deu)
Die Frage nach den Frauen zustehenden Handlungsräumen während der NS-Zeit, wird am Beispiel der „Spiegelgrund“-Ärztin Marianne Türk nachgegangen. Theorien zu Täterschaft im Zuge der NS-Herrschaft und speziell zu weiblicher Täterschaft werden ebenso in die Untersuchung miteinbezogen, wie auch das Zusammenspiel äußerer Umstände mit heute nur noch schwer rekonstruierbaren individuellen Persönlichkeitsmerkmalen, die Einfluss auf ihre Entscheidungen genommen haben. Entscheidungen, die Marianne Türk den Weg zur eigenen Täterschaft einschlagen lassen sollten. Um die gesellschaftlichen Einflüsse auf sie näher bestimmen zu können, wird neben einer Darstellung zeitgenössischer sozialer, politischer, ideologischer, medizinischer, biologischer und auch religiöser Diskurse, vor allem in den Quellen nach Aspekten gesucht, die eine persönliche Einbindung in diese Diskurse aufzeigen. Aufgrund dieses Vergleiches kann festgestellt werden, bis zu welchem Ausmaß sie sich aus eigenem Antrieb auf den Nationalsozialismus und die damit verbundene Ideologie eingelassen hat. Aus den Quellen zu ihrem Studium oder ihrer beruflichen Tätigkeit in der Anstalt „Am Spiegelgrund“ kann klar erkannt werden, dass sie immer wieder aktiv Schritte gesetzt hat, die sie schlussendlich zur Täterin werden ließen. Nachkriegsquellen, wie Gerichtsakten oder Medienberichte, zeigen ihren erfolgreichen Versuch, sich durch das Anpassen an als ideal angesehene weibliche Geschlechterkonstruktionen, zu entlasten. Keine Rede mehr von der angestrebten ärztlichen Karriere, sondern nur noch die Betonung ihres Wunsches Kinderärztin zu werden sowie ihr Mitleid mit den kranken Kindern; kein Wort zu ihrem eigenständiges Handeln am „Spiegelgrund“, sondern die stete Hervorhebung ihrer Abhängigkeit von den männlichen Vorgesetzten. Auch die Hinweise auf ihre jugendliche Naivität sowie ihr angebliches Desinteresse an Politik sollten sie vor einer zu gestrengen Verurteilung schützen. Heute können alle diese als Entschuldigung vorgebrachten Punkte durch das Quellenstudium widerlegt werden. So enthüllen die Quellen Türk als eine Frau, die ihren Platz, in Übereinstimmung mit der NS-Ideologie, als ärztliche „Hüterin der Rasse“ gefunden hat. Die Verbitterung, der Neid und Ärger der aus den Quellen knapp vor ihrem Tod spricht, zeigen wie nahe ihr der Verlust dieser Position ein Leben lang gegangen zu sein scheint. Ihr Selbstbild entsprach schon bald dem eines Opfers und offenbart damit das Unverständnis ihrer eigenen Schuld, welches sie bis zum Schluss beibehielt.