Abstract (deu)
In rezenten Krimiserien im Fernsehen des anglophonen Raums scheinen keine Protagonistinnen zu existieren, die den literarischen hard-boiled Detektiv zum Vorbild haben. Diese Arbeit geht davon aus, dass diese Figur durch ihr weibliches Geschlecht sowohl die patriarchalen Konventionen des Detektivgenres als auch die Geschlechterrollen des Mainstream-Fernsehens in drei Bereichen herausfordert: erstens eignet sich die Detektivin den männlichen Blick und die patriarchale Macht an; zweitens positioniert ihre unabhängige und initiative Sexualität sie in der aktiven Rolle der Blickenden auf den Mann, der dadurch zum Objekt des Blickes wird, und drittens steht die Bewaffnung der Detektivin den fruchtbaren und nährenden Qualitäten der traditionellen Frauenrolle entgegen. Um diese Bedrohung der patriarchalen Konventionen zu kontrollieren, werden im Fernsehen vor allem drei Verfahren angewendet: die Detektivin wird visuell erhöht und ihr Körper als Objekt und Fetisch in Szene gesetzt; ihr sexuelles Interesse wird bleibend an einen männlichen Co-Star gebunden; sie ist forensische Beraterin und keine Polizistin und daher unbewaffnet. Die Protagonistinnen, die diese Studie untersucht, sind am hard-boiled Detektiv orientiert und weisen keinen dieser abschwächenden Aspekte auf.
Diese Arbeit untersucht, wie die drei Herausforderungen der patriarchalen Geschlechterordnung in den Mini-Serien The Fall (2013-2016), The Bridge (2011-2018) und Top of the Lake (2013-2017) verhandelt werden, welche Strategien angewendet werden um die Wirkmacht der Detektivin einzuschränken, welche ideologischen Unterströmungen in den Serien vorhanden sind und welche Schlussfolgerungen hinsichtlich einer möglichen Zuseherschaft gezogen werden können.
Die Studie ist in einen theoretischen Hintergrund zum Genre Detektivliteratur und feministische Filmtheorie eingebettet. Laura Mulveys Thesengebäude des männlichen Blicks wird in seine Komponenten zerlegt um ein methodisches Gerüst für die Analyse zu schaffen. In einem interdisziplinären Ansatz werden Gaze Theory und Filmanalyse kombiniert, um die visuelle Darstellung der Figuren, Kameraarbeit und Dialog in ausgewählten Szenen zu untersuchen.
Die Analyse zeigt, dass die Detektivinnen eher dem Modell des hard-boiled Detektivs der 30er Jahre entsprechen, während wesentliche Eigenschaften der feministischen Variante, die in den 80er Jahren entstanden ist, fehlen. Trotz ihres transgressiven Potenzials sind die Detektivinnen patriarchaler Kontrolle unterworfen, die durch den Rahmen der Polizeiserie ermöglicht wird. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Detektivin der hard-boiled school, die seit den 80er Jahren einen Fixpunkt von bleibender Popularität in der literarischen Landschaft darstellt, im Fernsehen noch immer ein Ding der Unmöglichkeit ist.