Abstract (deu)
1963 wird Marlen Haushofers Roman Die Wand veröffentlicht. 2012 kommt die filmische Adaption von Julian Pölsler in die österreichischen Kinos. In den Jahren dazwischen verändert sich nicht nur die Stellung der Frau, sondern auch der Blick auf sie.
Feminismus, Postfeminismus und Gender Studies prägen die Entwicklung mit. Dies schlägt sich wesentlich auch in der Rezeption des Buchs nieder, die durch die Literaturverfilmung erweitert wird.
Vermittels dreier sprachlicher Ebenen – Off-Text (Zitate aus dem Buch), Bach-Partiten für Solo-Violine (Sei solo) und Stille – sowie einer ausdrucksstarken Bildebene öffnet der Film neue Interpretationsräume. Der Regisseur operiert darüber hinaus mit dem Ausschnitt einer Rede von Aung San Suu Kyi. Er lässt einen selbst verfassten Song über den Weg zur inneren Freiheit hören. Auch ein intertextuell aufgeladenes Bild für das konservative „Wurzeldenken“ entwirft er. Ein bewusst provokantes Spiel mit leicht als Kitsch verkannten Landschaftspanoramen transportiert die Dramatik, die sich daraus ergibt, dass eine Person den (Seelen-)Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.
Mit all dem fügt der Film zum Tenor der Sekundärliteratur eine wesentliche Stimme hinzu: Die Rolle der Frau in der Enklave wird nicht nur als Produkt einer primär gesetzten Geschlechterdifferenz erfahrbar, sondern auch als das Produkt eines individuellen Konflikts zwischen Ich und Welt.
Gerade die Vielfalt der Stilmittel und die achronologische Dynamik bei gleichzeitigen Anleihen an Größen der Geschichte bewirken, dass der Film der Realität nicht nur gerecht werden, sondern ihr Verständnis auch unterminieren und gerade dadurch fördern kann.
Eine Transformationsanalyse – angeregt von Stefan Volks funktional-strukturalistischem Textbegriff – vor dem Hintergrund filmphilologischer Überlegungen ergibt Folgendes:
Im Kontext von Judith Butlers Theorien zu Macht und Geschlecht kann der Film als dekonstruktivistischer Kommentar zu den feministischen Dimensionen des Stoffes gelesen werden. Johann Sebastian Bach trifft auf Gender Studies, Klassik und Postmoderne reichen einander die Hand und helfen der aufmerksamen Wahrnehmung der Gegenwart auf die Sprünge.